Kultur für alle – Plädoyer für einen neuen Aufbruch

Der Imperativ „Kultur für Alle“ der 70er Jahre war eingebettet in einen gesellschaftlichen Aufbruch. Er fand seine politische Entsprechung in Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ und in dem Protest gegen einen städtischen Konformismus, gegen die „Unwirtlichkeit der Städte“.

Wenn wir heute „Kultur für alle“ neu einordnen wollen, dann auch vor dem Hintergrund einer sich verändernden Gesellschaftsformation. Die Wachstumseuphorie der 70er Jahre ist zumindest objektiv vorbei. Kultur ist nicht mehr nur Mehrwert für Lebensqualität. Sie ist nicht mehr nur die potentielle Teilhabe am hochkulturellen Leben.

Wenn wir heute von einer neuen „Kultur für alle“ sprechen, dann ist es die Beschreibung des Weges zu einer Gesellschaft, die alle Möglichkeiten in Anspruch nimmt, die notwendige Bindungskraft zu entfalten, um Kultur als Integrationsfaktor und als notwendigen Bestandteil des Wertekanons eines sozialen Rechtsstaats zu begreifen.

In seinem Beitrag „Das Bürgerrecht auf Kultur“ im Bericht der unabhängigen Kulturkommission zur Entwicklung der Kulturlandschaft Hessen, herausgegeben im Dezember 2002, schreibt Hilmar Hoffmann: „Die politisch administrativen Instrumente funktionieren nur, wenn auch auf der symbolischen Ebene ein Empfinden wechselseitiger Abhängigkeit entsteht, wenn Integration andererseits auch als Steigerung der eigenen Lebensqualität erfahren wird. Das Rekurrieren auf eine „nationale Leitkultur“ oder auf einen traditionellen kulturellen Kanon reicht hier nicht aus. In einer globalisierten, kulturell pluralisierten, zugleich offenen, demokratischen Gesellschaft, die zukunftsfähig sein will, kann ein Wertekonsens nie exklusiv und administrativ, sondern immer nur pluralistisch und diskursiv aufrecht erhalten werden, indem zwar nie alles, aber doch immer wieder einiges neu zur Disposition gestellt wird“.

Hoffmann beschreibt somit implizit, was die Reformbestrebungen der 70er Jahre erreicht haben, aber explizit, was heute zu besorgen ist. Das Bürgerrecht auf Kultur bedeutet die notwendige Bindungskraft in unserer Gesellschaft als Prozess zu organisieren. „Kultur für alle“ muss als eigenständiger Weg zur Bekämpfung von gesellschaftlichem Elend und Not beschritten werden.

Ich will im Folgenden in sieben Thesen aufzeigen, wo nach meinem Verständnis Festlegungen und Veränderungen konkret vollzogen werden müssen:

1. Kultur ist und bleibt eine öffentliche Aufgabe

Vielfach wird sie nur als lästiger Kostenfaktor begriffen. Der Ruf nach „Kostendeckung“ wird allenthalben laut. Das unsägliche System der Kosten- und Leistungsrechung, das die Landeskultureinrichtungen schon über sich haben ergehen lassen, hält nun mit der Doppik auch in den kommunalen Haushalten Einzug. Wenn dann die Kundenzufriedenheit der Staatstheater an der Öffnungszeit der Kassenhäuschen gemessen wird, offenbart sich ein System in seiner vollständigen Absurdität. In den Städten Hessens wird Kulturförderung noch, zwar mit unterschiedlicher Intensität, aber doch mit einem Mindestmaß an Engagement vertreten. Doch schon in den Landkreisen ist Kulturförderung im günstigsten Fall von der Gunst eines interessierten Landrats abhängig. Im Land Hessen beträgt der Anteil für Kulturförderung am Gesamthaushalt knapp über 1%. Exemplarisch beträgt die Landesförderung für die Museen, Ausstellungen und Künstlerförderung 5,9 Mio. €, für Musik 3,4 Mio. €, für Film 2,85 Mio. € für die Soziokultur und regionale Kulturförderung 1,026 Mio. €. Damit bewegt sich Hessen in fast allen Bereichen im unteren Drittel der durchschnittlichen Landeszuwendungen vergleichbarer Bundesländer.

2. Wir müssen die kulturelle Bildung und ästhetische Erziehung stärken.

Zur Zeit wird in den Schulen sowohl die musische Erziehung als auch die ästhetische Erziehung vernachlässigt. Sie muss nach dem Vorbild der nordeuropäischen Länder endlich in die schulischen und vorschulischen Curricula Einzug halten. Die Erfindungkraft und künstlerische Kompetenz von Kindern und Jugendlichen muss gestärkt werden. Wir brauchen die Vermittlung der handwerklichen Grundlagen von Kunst wie auch die Vermittlung der Bedeutung des kulturellen Erbes, um Eigeninitiative zu entwickeln. Dies muss früh und dies muss eingebettet in einen systematischen Lernprozess passieren. Wolf Singer, der Leiter des Frankfurt Institut for advanced studies begründet diese frühe und zu vermittelnde Notwendigkeit mit den Worten: „Was Jugendliche vorfinden, wird von uns, den Erwachsenen, vorgegeben und was von dem Überkommenen tradiert werden soll, wird durch uns, die Erziehenden, die Lehrenden, die Vorlebenden, festgelegt. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wird jedoch in zyklischer Abfolge immer wieder verdrängt und erfährt im politischen Alltag nur selten die Prioritätensetzung, die ihr zusteht. Ein Grund dafür ist, dass das Hineinwachsen in eine Kultur nicht à la Lernprozess verstanden wird, der durch intentionale Akte befördert wird, sondern als ein natürlicher Assimilationsvorgang, der sich automatisch zu vollziehen scheint, wie dies fälschlicherweise für den Erwerb der Muttersprache angenommen wird.“

3. Wir müssen ein Recht auf Kultur konstituieren.

Bislang wird die Kulturförderung der Länder, des Bundes und der Kommunen als Beiwerk, als freiwillige Leistung, als schmückender Zusatz begriffen. Notwendig ist aber die Aufnahme eines einklagbaren Bürgerrechts auf Kultur im Art. 62b der Hessischen Verfassung. Auch die Enquetekommission des deutschen Bundestages „Kultur in Deutschland“ hat sich ähnlich geäußert. Das Forum Kunst und Kultur der Hessischen Sozialdemokratie hat bereits vor drei Jahren den Vorschlag gemacht, die Verfassung um den Satz: „Die Kultur genießt den Schutz und die Pflege des Staats, der Gemeinden und Gemeindeverbände und ist entsprechend zu fördern.“

4. Kultur ist ein eigenständiger Weg zur Überwindung von Elend und Armut.

Dieser Weg ist allerdings nicht gangbar ohne die Aktivierung der eigenen kulturellen Ressourcen. Diese Ressourcen sind über kulturelle Bildung und ästhetische Erziehung zu mobilisieren. Dazu gehört aber auch die Möglichkeit der Teilhabe und des Zugangs zu kulturellen Einrichtungen. Wer arm ist, dem bleibt der Weg zum Theater oft versperrt und dies nicht nur aus finanziellen Gründen. Die Beantwortung einer großen Anfrage der SPD Landtagfraktion aus 2006 zum Thema „Kultur für alle“, in der es auch um die Schaffung von Zugängen und die bürgerschaftliche Beteiligung in und an kulturellen Einrichtungen (Theater, Museen etc.) ging, brachte hervor, dass es sehr starke Unterschiede zwischen den Einrichtungen und Häusern gibt. Das Resumee der Parlamentsdrucksache: um eine breite Teilhabe an der Kunst und Kultur im Land Hessen zu ermöglichen, bleibt noch viel zu tun.

5. Kultur ist ein wesentliches Element zur Herstellung gesellschaftlicher Bindungskraft.

So wie sich die Gesellschaft in unterschiedliche Milieus segregiert, so scheint auch jedes Milieu seine eigene Kultur zu pflegen. Die einen, die in den Führungsetagen der Unternehmen unter sich eine celebrity Kultur genießen, in der weniger künstlerische Qualitäten eine Rolle spielen, sondern mehr das „dazu gehören“ zu einem bestimmten Trend, der gerade in ist. Die anderen, die fast ausschließlich „Unterschichtsfernsehen“ (Harald Schmidt) konsumieren und sich von einer imaginären Welt einlullen lassen. Doch wenn der Wertekanon des demokratischen und sozialen Rechtsstaat nicht aufrecht erhalten wird, fehlt die Motivation zum Engagement für die Zivilgesellschaft. Dies gilt für die einen wie für die anderen. Die einen stehlen sich zusätzlich aus ihrer finanziellen Verantwortung für unser Gemeinwesen heraus, den anderen fehlt die Selbstbefähigung aus der vermeintlich bequemen Konsumhaltung auszubrechen. Genau deshalb hat der Staat, das Gemeinwesen die Aufgabe „Verständnis füreinander zu entwickeln, indem man sich auf gemeinsame Werte einigt und gemeinsam dem Zusammenleben eine neue kulturelle Dimension verschafft“ (Kofi Annan).

6. Wir brauchen den interkulturellen Dialog.

Nach den neusten Zahlen des Hessischen Statistischen Landesamts haben 23% der Hessischen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Von diesen 1,43 Mio. Hessen sind 647000 Ausländer und 733000 Deutsche. Der Anteil der jungen Menschen unter 25 Jahren ist mit 36% in Hessen unter den Flächenländern am höchsten. Bei den unter 6 Jährigen war der Anteil noch mal höher. Hier haben zwei von fünf Kindern einen Migrationshintergrund. Dies zu den harten statistischen Daten, die nicht mehr darüber hinwegtäuschen können, dass wir mit vielen Kulturen leben. Man kann aber die Identität einer anderen Person nicht anerkennen, wenn man nicht zugleich deren Zugehörigkeit zu einer anderen, besonderen sozialen kulturellen Lebensform würdigt. Die Anerkennung des Rechts auf die eigene Kultur ist ein Teil der übergreifenden Menschenrechte und ist Grundlage des interkulturellen Dialogs. „So hat Kultur in der multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft eine Chance, auf globaler Ebene zum Mittel der Prävention von Gewalt und Terror zu werden (Hilmar Hoffmann, aaO).

7. Wir müssen einer neuen Jugendkultur die Türen öffnen.

„Jede in Europa heranwachsende Generation sucht nach Ausdrucksformen und Gestaltung ihrer künstlerischen Impulse, die in ihren sozialen Verhaltensformen, in ihrer künstlerischen Arbeit kulturprägend wirksam werden“. Mit diesem Satz eröffnen die Autoren des Berichts der Unabhängigen Hessischen Kulturkommission ihren Unterabschnitt, der sich mit dem Vorschlag einer „Juvenale und Zwischenräume“ auseinandersetzt. Es geht darum Akteure der Jugendkultur miteinander in Verbindung zu bringen und deren Aktionen sichtbar zu machen. „Denn jede Gesellschaft, die die ästhetische Erziehung ihrer Jugend vernachlässigt, schwächt die Kraft ihrer eigenen Zukunft“. Ob es nun eine Juvenale sein muss oder eine andere Form gefunden wird, Ziel muss die Entfaltung der künstlerischen Kompetenz von Kindern und Jugendlichen sein. Dabei bietet sich die Zusammenarbeit mit Schulen, Kindergärten und Hochschulen an. Die außerschulische Jugendarbeit, die offene Jugendarbeit, die Organisationen und Einrichtungen, die sich mit Medienpädagogik befassen (JBWs, offene Kanäle und nichtkommerzielle Radios), würden sich beteiligen. Die Jugendtheaterprojekte an den Hessischen Staats- und Stadttheatern sowie den Kinder- und Jugendtheatern in Hessen sind einbeziehbar. Durch die Entwicklung von Eigeninitiative kann und wird Selbstvertrauen entwickelt werden.

Die Ergebnisse der PISA Untersuchung haben uns drastisch vor Augen geführt, dass wir mit dem deutschen, dem hessischen Ansatz der Ausdifferenzierung unseres Bildungswesens den falschen Weg gegangen sind. Die Verbindung von „Kultur und Bildung“ bietet die Chance, diese Defizite unabhängig von der auch notwendigen Strukturdebatte, aufzuheben. Warum?

Weil eine neue „Kultur für alle“ die Bindungskraft entfaltet, die aus der aktiven Auseinandersetzung mit dem Symbolhaften, mit Empfindungen mit dem historischen Erbe erwächst. Die Auseinandersetzung mit Kulturen und im Kontext einer aktivierenden Bildungspolitik ist der Schlüssel für eine Gesellschaft, die sich, getragen von ihren Individuen, sozialstaatlich, solidarisch und friedlich organisiert.

Michael Siebel

Vorsitzender des Forums für Kunst und Kultur

Mitglied des Hessischen Landtags

Mail: siebel.mdl@siebel-spd.de

http://www.siebel-spd.de/